Analyse zur Spielverbesserung von Alexander Zverev

Tennis–News | 8. Januar 2026 - 09:30 Uhr

Alexander Zverev ist ein extrem guter und erfolgreicher Tennisspieler. Dennoch hat es die letzten Monate gegen die besten Tennisspieler nicht dauerhaft gereicht, um ein Grand-Slam zu gewinnen oder die Nummer 1 der Tennis Weltrangliste zu werden. Es scheint, als würde sich das Spiel von Alexander Zverev im Gegensatz zu Carlos Alcaraz oder Jannik Sinner wenig(er) weiterentwickeln. Ist das so?

Erfolg und Ziele

Goldmedaille im Einzel bei den Olympischen Spielen in Tokio, 24 Einzeltitel, darunter die ATP Finals 2018 und 2021 und sieben Masters-1000-Turniere, dazu im Juni 2022 Nummer 3 der Weltrangliste.

Hut ab für diese unglaublichen Erfolge. Es fehlen an sich „nur“ ein Grand-Slam-Sieg und die Nummer 1 der Weltrangliste.
Das für alle Zverev-Fans und Tennis-Kritiker klargestellt, seien ein paar nachdenkenswerte Gedanken erlaubt.

Spiel-Vergleich Zverev-Alcaraz-Sinner

  • Jannik Sinner hat Kraft und Tempo bei allen Grundschlägen in den letzten Jahren nochmal deutlich gesteigert. Seine generelle Taktik ist einfach: Bei jedem Ballwechsel immer mehr Druck auf den Gegner auszuüben als umgekehrt.
    Es gibt keinen Ball, den er einfach mal so sicher lang zurückspielt. Aufschlag, Vorhand, Rückhand, Druck, Winner oder Punkt am Netz wegspielen. Als Gegner hast du keine Sekunde Ruhe, stehst ständig unter Druck. Das provoziert Stress, Fehler und fordert alles. Kaum kommt man in den Ballwechsel, kann Sinner aber auch einen Stopp spielen, kurz cross oder einen Slice liefern.
    Die Kunst von Sinner ist dabei, selbst sehr konstant zu spielen und unglaublich wenig Fehler selbst zu machen. Das macht er besser als jeder andere und war daher lange Zeit die klare Nummer 1.
  • Carlos Alcaraz konnte dem Druck und der Siegesserie von Sinner zuerst wenig entgegensetzen, legte ab etwa 2023, 2024 körperlich nochmal zu und grätscht und sprintet seitdem wirklich auf jeden noch so aussichtslosen Ball, als gäbe es keinen weiteren. Bis dato konnte er das weitgehend verletzungsfrei durchhalten.
    Dazu kommt sein nochmals verbesserter Spielwitz. Bei jedem Grundschlag ist vom Stopp-Ball bis zum Winner mit 160 km/h alles möglich bei ihm. Das macht es als Gegner so schwierig. Einerseits ist es aufwändig, gegen Alcaraz überhaupt einen Punkt zu machen, und zum anderen musst du bei jedem Ball auf alles gefasst sein. Du bekommst kaum Rhythmus, kaum Sicherheit und das normale Positionsspiel funktioniert nicht, da Alcaraz auch mal 4 Stopps bei 6 Ballwechseln spielt. Dazu hat Alcaraz Spaß bei dem Spiel, findet einen guten Mix und behält dennoch den Fokus, seine Konzentration. Das ist seine größte Stärke.
  • Alexander Zverev hat mit den besten Aufschlag und die beste Rückhand, aber er spielt diese Trümpfe aus meiner Sicht nicht optimal aus. Gegen Zverev bekommst du viele konstante, lange Ballwechsel. Er wird keinen (guten) Stopp spielen, keinen Slice. Dazu ist er anfällig unter Druck auf der Vorhand, die er dann eher kurz, höher und fast immer cross spielt. Ausrechenbar. Unnötig.
  • Tennisplatz von oben

    Was könnte Zverev also verbessern?

    1. Sein Aufschlag ist echt stark. Die Returnspieler stehen daher oft sehr, sehr weit hinter der Grundlinie und versuchen, den Aufschlag irgendwie lang zurück zu „werfen“. Sind sie erstmal im Ballwechsel, egalisiert sich der Aufschlagvorteil recht schnell. Perfekt.
      Nicht für Zverev. Daher sollte Zverev mehr Serve-and-Volley variieren und mehr Variation beim ersten Aufschlag andenken. Ziel ist es, mit dem Aufschlag mehr Punkte zu erzwingen und die Ballwechsel zu verkürzen. Er sollte seinen Vorteil beim Aufschlag besser nutzen.
    2. Weiter ergibt es für mich jedenfalls wenig Sinn, lange Ballwechsel einzugehen, vor allem in Returnspielen. Er hat da nichts zu verlieren und er hat die Technik. Die Fehlerstatistik wäre mir hier egal, Zverev sollte deutlich mehr riskieren, sobald er auch nur etwas Zeit hat und gut zum Ball steht. Das provoziert auch mehr Risiko und Fehler beim Gegner, erfordert aber Training, da man selbst kaum Rhythmus bekommt.
    3. Dann nutzt Zverev selten kurze Bälle, wodurch der Gegner recht bequem hinter der Grundlinie agieren kann. Das machen Sinner und vor allem Alcaraz deutlich besser. Zverev tut sich schwer mit Stoppbällen, aber zum Anfang würde auch ein kürzerer Slice oder ein kurzer Crossball reichen, um die Ballwechsel zu bestimmen und den Gegner auch mental zu beschäftigen. Physisch sowieso.
    4. Zverev ist gut am Netz. Oftmals greift er aber mit einem schwächeren Schlag an. Das bedeutet, er spielt zwei, drei extrem starke Bälle, drängt den Gegner in die Defensive und greift dann mit dem schlechteren der letzten Schläge an. Gegen Top-Spieler reicht das oft nicht. Hier sollte man ran, um die Netzpunkte zu erleichtern.
    Verbesserungen Tennisspiel von Zverev

    Mögliche Verbesserungen im Tennisspiel von Alexander Zverev

    Zverev und die Trainerfrage

    Daher würde vielleicht ein Coach wie Boris Becker durchaus gut tun, denn der dürfte genau diese Dinge sehen, diese Spielphilosophie leben. Man kann von Brois halten, was man will, er hat ein gutes Auge und Sachverstand, was Tennis, Taktik und Technik betrifft.
    Wenn man sieht, wie variabel ein Novak Djokovic agiert, wäre das eine Option.
    Da sein Bruder Mischa aber genau so ein offensiver Netzspieler ist, liegt es vielleicht auch am Training, am Hitting-Partner. Ggf. sollte Zverev mit Defensiv-Spielern wie etwa Pablo Carreno Busta mehr trainieren, bei denen er selbst aktiver, offensiver spielen muss.
    Aus meiner Sicht macht Zverev dann die besten Spiele. Vor allem gegen Alcaraz wird das deutlich. So sollte er aus meiner Sicht häufiger spielen.

    Deine Meinung?

    Ich bin gespannt auf Deine Meinung, Deine Beobachtungen.
    Zverev wünsche ich die beste Saison seit langem! Viel fehlt dafür nicht und Potential sehe ich auch. Hoffentlich klappt es bereits bei den Australian Open. Let’s go.

    Robert Hartl hat den Artikel Analyse zur Spielverbesserung von Alexander Zverev zum zuletzt am 8. Januar 2026 aktualisiert.

    Robert Hartl gründete Tennis Weblog 2007. In über 500 Beiträgen teilt er sein Tennis-Wissen als langjähriger Tennis-Spieler, Tennis-Trainer und Tennis-Fan. Tennis Weblog ist eine der bekanntesten deutschsprachigen Tennis-Webseiten mit über einer halben Million Besuchern pro Jahr. Wir lieben Tennis - von Tennis-Fans für Tennis-Fans. mehr zur Redaktion

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